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Art Games

passage

Es gibt da ein Spiel, welches mich auf den Begriff “Art Games” aufmerksam gemacht hat. Es handelt sich um das gerade mal 1,8MB (entpackt und inklusive SDL.dll und Readme.txt) große Programm mit dem tiefsinnigen Namen “Passage” von Jason Rohrer. Man könnte denken, ich spreche von einer dieser tollen 64k-Graphikdemos aus der Demo Szene, welche die aufregendsten  Polygon- und Lichtberechnungsakrobatiken vorführen.

Ich spreche von etwas gänzlich anderem.

Passage hat eine Auflösung von 100×16, die Graphiken sind entsprechend einfach aber passend und im Hintergrund spielt eine nette Midi-Musik dazu.

Aber zunächst: was ist ein “Art Game”? Art Games sind kein spezielles Genre, die Bezeichnung ist ebenso umstirtten und subjektiv, wie der Kustbegriff selbst. Deswegen möchte ich an dieser Stelle nicht weiter auf die Begriffsklärung selbst eingehen. Ich möchte den Leser viel mehr mit dem eben genannten Beispiel “Passage” an Art Games heranführen. Doch vor dem Weiterlesen sollte man vorher das Spiel selber gespielt haben. Es dauert auch nicht lange, es ist in fünf Minuten “geschafft”.

Durchgespielt?

Gut, dann kann ich ja den Ersteindruck nicht mehr zerstören, indem ich meine Gedanken zu dem Spiel niederschreibe (zumindest habe ich hiermit jeden gewarnt, der das liest).

Die meisten Leute werden jetzt Fragen stellen wie: “Was ist so besonders daran? Es ist doch nur Herumlaufen in einer verpixelten Welt! Wo ist der Spaß?”

Die meisten Menschen denken, Spiele müssen Spaß machen. Klar müssen Spiele Spaß machen, sonst wären sie keine Spiele, oder? Spaß ist der Hauptzweck von Spielen. Spiele werden durch Spaß definiert.

Schauen wir uns einmal Humor an. Zum Beispiel Witze. Von Witzen erwartet man, dass sie Menschen zum Lachen bringen. Aber jeder Witz ist aus einem anderen Grund komisch. Es gibt schmutzige Witze, intelligente Witze, trockene Witze, sinnlose Witze etc. und manche Witze sind sehr schwer zu verstehen. In manchen Fällen benötigt man bestimmtes Wissen, um einen Witz komisch zu finden. Das plötzliche verstehen eines solchen speziellen Witzes verstärkt den Humor.

Das selbe Prinzip gilt bei Spielen. Der Lern- und Verständniseffekt von Dingen, die in der Spielwelt passieren verursacht Spaß. Ein Beispiel: warum haben so viele Menschen Spaß daran, Rätsel zu lösen? Solche Erfolgserlebnisse scheinen viele Leute zu befriedigen.

In Passage passiert dieses Erfolgserlebnis nicht durch einfaches Durchspielen des Spiels. Auf irgend eine Weise befindet es sich weiter außerhalb des Spiels, im Kopf des Spielers. Der befriedigende Erfolgsmoment geschieht (wenn er geschieht) auf einer viel höheren Ebene: durch Verstehen der “Pointe” des Spiels. Und das geschieht nicht zwingend während der Spielzeit.

Das Spiel versucht etwas auszudrücken, etwas wie eine Idee oder eine bestimmte Emotion, eine Nachricht.

Einfach ausgedrückt, handelt es sich um eine Metapher über den Verlauf des Lebens.

Du beginnst dein Leben, und du siehst so viel Zukunft vor dir. Vielleicht denkst du anfangs, dass du dich nur in eine Richtung bewegen kanns, aber du irrst dich. Vielleicht begegnest du einer besonderen Person, oder du gehst ihr aus dem Weg. Vielleicht gehst du den Rest deines Lebens mit ihr, oder du entscheidest dich, allein die Freiheit zu genießen, überall hinzugehen, wohin du willst. Du triffst auf große Chancen (Schatzkisten) auf dem Weg deines Lebens. Und manchmal musst du zurückgehen, um voranzukommen. Du wirst älter und das Leben ändert sich. Du siehst so viel Vergangenheit hinter dir, in deinen verblassenden Erinnerungen.

Am Ende verlierst du deine geliebte Person.

Und wenn du stirbst, fragst du dich: “Was war der Sinn des Ganzen? Wo war der Spaß?”

All diese Eindrücke, verwirklicht in einem 16×100 Bildschirm, nicht nur durch Graphik, Musik oder Animation, sondern hauptsächlich durch Spielmechanik!

Noch nie hat ein Spiel so viele Gedanken und Gefühle in meinem Kopf ausgelöst.

Dieses Spiel zu verstehen, war ein Erfolgserlebnis.

Veröffentlicht am 4. Juli 2009 um 16:54 von Paul · Permalink
In: art, games · Schlagworte: , , ,

1 Kommentar

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  1. Geschrieben von Domi
    am 8. Juli 2009 um 23:36
    Permalink

    ich glaub ich hab hier ein buch rumliegen, dass dich interessieren könnte… da gehts eben auch um die kunst in medien, ein kapitel beschäftigt sich mit spielen. ob damit pc-spiele gemeint sind, weiss ich nicht, ich habs noch nicht gelesen..
    anyways. jooghuuuurt!

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